Die Kunio-kun-Reihe hat in den letzten Jahren eine bemerkenswerte Renaissance erlebt. Während viele Spieler den Namen vor allem mit River City Girls verbinden, reicht die Geschichte der Serie bis in die 1980er-Jahre zurück. Mit River City Saga: Journey to the West gräbt Arc System Works nun einen eher ungewöhnlichen Ableger wieder aus und verpasst ihm gleichzeitig eine neue Richtung. Denn was ursprünglich ein klassisches Action-RPG war, wurde für die Neuveröffentlichung um Roguelite-Elemente erweitert.
Das Ergebnis ist ein Spiel, das auf den ersten Blick chaotisch wirkt, sich aber überraschend schnell erschließt. Gleichzeitig ist es auch eines jener Spiele, bei denen man bereits nach einer Stunde ziemlich genau weiß, ob man Spaß daran haben wird oder nicht. Denn River City Saga: Journey to the West lebt fast ausschließlich von seinem Kampfsystem. Wer mit dem ständigen Prügeln von Gegnerhorden nichts anfangen kann, wird hier nur wenig finden, das ihn langfristig motiviert.

Eine Reise nach Westen im Kunio-Stil
Wie der Name bereits verrät, basiert die Geschichte lose auf dem chinesischen Literaturklassiker Die Reise nach Westen. Allerdings sollte niemand eine ernsthafte oder gar werkgetreue Umsetzung erwarten.
Stattdessen verwandelt das Spiel bekannte Kunio-Charaktere in die Rollen der berühmten Figuren. Kunio selbst übernimmt gleich mehrere zentrale Rollen, während bekannte Gesichter aus dem River-City-Universum als Dämonen, Gottheiten und andere Wegbegleiter auftauchen. Das Ganze ist bewusst albern, überdreht und voller kleiner Anspielungen für Fans der Reihe. Figuren wie Riki treten als Bossgegner auf, andere Charaktere kommentieren das Geschehen aus dem Hintergrund und immer wieder entstehen absurde Situationen, die man in einer klassischen Journey-to-the-West-Adaption niemals erwarten würde.
Allerdings dient die Geschichte letztlich nur als Rahmen für das eigentliche Spiel. Dialoge gibt es zwar regelmäßig, doch die Handlung bleibt oberflächlich und wird nur sporadisch weitererzählt. Wer hier eine große RPG-Erzählung erwartet, wird schnell enttäuscht. Hinzu kommt, dass die Übersetzung stellenweise erstaunlich holprig ausfällt. Manche Dialoge wirken unbeholfen, andere ergeben kaum Sinn. Gerade bei einer Geschichte, die ohnehin schon viele Figuren und Begriffe aus der chinesischen Mythologie verwendet, macht das den Einstieg unnötig kompliziert.
Prügeln, Sterben, Wiederholen
Die eigentliche Stärke von River City Saga: Journey to the West liegt ohnehin woanders. Im Kern handelt es sich um einen klassischen 2D-Brawler. Man läuft von links nach rechts, verprügelt Gegner, sammelt Belohnungen ein und kämpft sich durch immer schwierigere Abschnitte. Der große Unterschied zu klassischen Kunio-Spielen liegt in den Roguelite-Mechaniken. Jeder Durchlauf verläuft etwas anders. Während eines Runs sammelt man Segnungen verschiedener Gottheiten, verbessert seine Fähigkeiten und entscheidet sich für bestimmte Talismane, die den eigenen Spielstil beeinflussen. Manche Builds konzentrieren sich auf rohe Angriffskraft, andere auf Statuseffekte oder defensive Fähigkeiten.
Wer nur wahllos auf die Angriffstaste hämmert, wird spätestens in den späteren Abschnitten scheitern. Zwar bleibt River City Saga immer ein Actionspiel, doch die Auswahl der richtigen Verbesserungen kann einen enormen Unterschied machen. Besonders Statuswerte wie Schock oder Göttliche Bestrafung entwickeln sich im späteren Spielverlauf zu mächtigen Werkzeugen. Einige Kombinationen erlauben es sogar, ganze Gegnergruppen innerhalb weniger Sekunden auszuschalten.

Chaos als Spielprinzip
Das Kampfsystem selbst fühlt sich herrlich chaotisch an. Schon nach wenigen Minuten füllt sich der Bildschirm mit Gegnern, Spezialeffekten und herumfliegenden Angriffen. Besonders in späteren Abschnitten entwickelt sich das Spiel beinahe zu einem kontrollierten Durcheinander. Dabei gelingt River City Saga ein interessanter Spagat. Einerseits kann man tatsächlich recht planvoll spielen und bestimmte Fähigkeiten gezielt einsetzen. Andererseits lebt das Spiel auch davon, sich einfach mitten ins Getümmel zu werfen und möglichst viele Gegner gleichzeitig zu verprügeln. Genau dadurch entsteht dieser typische Kunio-Charme, bei dem jederzeit alles außer Kontrolle geraten kann.
In besonders hektischen Situationen verliert man jedoch seinen eigenen Charakter gelegentlich aus den Augen. Wenn der Bildschirm voller Gegner, Explosionen und Effekte ist, fällt die Übersicht nicht immer leicht. Hinzu kommt, dass einige Upgrades deutlich stärker sind als andere. Schon nach wenigen Stunden erkennt man relativ klar, welche Verbesserungen man bevorzugen sollte und welche kaum einen spürbaren Nutzen bringen. Gerade zusätzliche Lebensenergie, Extraleben oder Gegnerverlangsamungen sind oftmals deutlich wertvoller als viele der offensiveren Alternativen.
Bosskämpfe zwischen Frust und Faszination
Besonders gelungen sind die Bosskämpfe. Fast jeder größere Gegner besitzt eigene Angriffsmuster, Spezialattacken und mindestens eine Fähigkeit, die den gesamten Bildschirm bedroht. Dadurch entstehen regelmäßig Situationen, in denen man kurz vor dem Sieg steht und dann doch noch von einer gigantischen Flächenattacke erwischt wird. Die meisten Bosse lassen sich mit genügend Übung zuverlässig lesen. Viele Fähigkeiten, die zunächst übermächtig wirken, können später durch bestimmte Talismane oder Segnungen ausgekontert werden. Gerade deshalb motiviert das Spiel immer wieder zu weiteren Durchläufen. Man hat fast ständig das Gefühl, beim nächsten Versuch ein wenig besser vorbereitet zu sein.
Zwischen Retro-Charme und moderner Präsentation
Die Figuren bestehen aus klassischen 2D-Sprites, während die Umgebungen dreidimensional dargestellt werden. Dadurch entsteht ein Stil, der irgendwo zwischen Retro-Spielhalle und moderner Neuauflage angesiedelt ist. Besonders die Charakterdesigns stechen positiv hervor. Die verschiedenen Gottheiten, Dämonen und Nebenfiguren besitzen viel Persönlichkeit und schaffen es, gleichzeitig ehrfurchtgebietend und absurd komisch zu wirken. Auch Kunio und seine Mitstreiter machen in ihren Journey-to-the-West-Rollen eine gute Figur.

Musik & Sound
Der Soundtrack passt hervorragend zum lockeren Ton des Spiels. Die Musik bleibt zwar selten langfristig im Gedächtnis, sorgt aber jederzeit für die richtige Stimmung und begleitet die Prügeleien mit ausreichend Energie. Etwas enttäuschend ist dagegen der völlige Verzicht auf Sprachausgabe. Gerade die zahlreichen Dialoge und die teilweise herrlich absurden Charaktere hätten von einer Vertonung profitieren können. Die Soundeffekte der Kämpfe erledigen ihren Job dagegen zuverlässig. Treffer fühlen sich wuchtig an und verleihen den Prügeleien die nötige Portion Arcade-Charme.
Fazit
River City Saga: Journey to the West ist eines dieser Spiele, das seine Prioritäten sehr klar gesetzt hat. Die Geschichte ist bestenfalls Mittel zum Zweck. Die Übersetzung schwächelt. Die Roguelite-Balance ist nicht immer optimal. Und wer sich hauptsächlich für die Handlung interessiert, wird vermutlich schon früh das Interesse verlieren. Sobald die Kämpfe beginnen, sieht die Sache allerdings deutlich besser aus.
Das Kampfsystem macht Spaß, die verschiedenen Builds motivieren zu weiteren Durchläufen und die Bosskämpfe sorgen regelmäßig für spannende Momente. Dazu kommt der unverwechselbare Kunio-Humor, der das gesamte Abenteuer trägt. River City Saga: Journey to the West ist kein großer Wurf und sicherlich nicht einer der stärksten Ableger der Reihe. Wer allerdings Freude an Roguelites und klassischen Brawlern hat, bekommt hier ein unterhaltsames Spiel, dessen größte Stärke genau dort liegt, wo man sie bei Kunio eigentlich erwartet: mitten in der nächsten Schlägerei.

- Plattform: Nintendo Switch 1/2 (getestet), PlayStation 5, PC
- Publisher: Arc System Works
- Entwickler: Arc System Works, UnitePlus
- Genre: Roguelite Beat em Up
- Release: 03. Juni 2026
- USK-Freigabe: 12

Schon seit meinem dritten Lebensjahr bin ich leidenschaftlicher Videospieler. Angefangen hat alles mit dem Nintendo Entertainment System – seitdem begleitet mich die Faszination für interaktive Welten bis ins Erwachsenenalter. Heute verbinde ich diese Leidenschaft mit meinem Beruf: Als PR-Manager, freier Redner und Texter arbeite ich in der Games- und Medienbranche und betreue Projekte rund um kreative Köpfe und spannende Marken. Ein besonderer Schwerpunkt meiner Arbeit liegt im Management und in der Betreuung japanischer Videospielentwicklertalente, die ich auf Conventions und Events weltweit vertrete.

