Es gibt Spieleserien, die erfolgreich waren. Und dann gibt es Reihen wie Heroes of Might and Magic III, die über Jahrzehnte hinweg beinahe mythischen Status erreicht haben. Kaum eine andere Strategieserie wird bis heute derart leidenschaftlich diskutiert, modifiziert und gespielt wie Heroes of Might and Magic. Selbst mehr als 25 Jahre nach dem Höhepunkt der Reihe existieren aktive Fanprojekte, HD-Mods, Balance-Patches und ganze Community-Turniere. Genau deshalb hätte es kaum einen besseren Zeitpunkt geben können, um mit Heroes of Might and Magic: 30 Jahre – Die ultimative Chronik ein großformatiges Buch über die Geschichte dieser legendären Serie zu veröffentlichen.
Geschrieben wurde das Werk von Neal Hallford, einem Autor, der nicht einfach nur von außen auf die Reihe blickt. Hallford arbeitete selbst bei New World Computing und war damit Teil jener legendären Ära, in der Namen wie Jon Van Caneghem, David Mullich oder Greg Fulton Strategiespielgeschichte schrieben. Genau das merkt man dem Buch praktisch auf jeder Seite an. Statt einer oberflächlichen Retrospektive bekommt man hier einen ungewöhnlich tiefen Blick hinter die Kulissen einer Reihe, die über Jahrzehnte hinweg sowohl kreative Höhen als auch massive Krisen durchlief.

Mehr als nur Nostalgie
Viele Videospielbücher scheitern daran, dass sie letztlich kaum mehr sind als glorifizierte Wiki-Zusammenfassungen mit ein paar hübschen Bildern. Heroes of Might and Magic: 30 Jahre – Die ultimative Chronik vermeidet genau diese Falle. Hallford interessiert sich weniger für reine Faktenlisten als für die Menschen hinter den Spielen. Das Buch erzählt nicht einfach chronologisch, wann welches Spiel erschienen ist, sondern wie diese Titel überhaupt entstehen konnten, welche Konflikte während der Entwicklung auftraten und warum bestimmte Designentscheidungen getroffen wurden.
Besonders spannend ist dabei, wie offen manche ehemaligen Entwickler über Probleme innerhalb der Teams sprechen. Das betrifft vor allem die chaotischen Jahre rund um 3DO und den späteren Niedergang von New World Computing. Viele Fans wissen zwar grob, dass wirtschaftliche Schwierigkeiten irgendwann zum Ende des Studios führten, doch Hallford zeigt detailliert, wie stark sich finanzielle Zwänge, Publisher-Druck und interne Umstrukturierungen direkt auf die Spiele ausgewirkt haben. Gerade die Kapitel rund um Heroes of Might and Magic IV gehören deshalb zu den interessantesten des gesamten Buches.
Dabei spart Hallford die weniger beliebten Serienteile keineswegs aus. Auch die Ubisoft-Ära bekommt umfangreichen Raum. Besonders interessant ist, dass das Buch nicht in typisches Fanboy-Bashing verfällt. Selbst kontroverse Spiele wie Heroes of Might and Magic VI oder Teil VII werden sachlich eingeordnet. Man merkt, dass Hallford die Serie liebt, aber dennoch bereit ist, Fehlentwicklungen klar anzusprechen.

Von King’s Bounty bis Olden Era
Sehr klug ist außerdem, dass das Buch nicht erst 1995 beginnt. Stattdessen setzt Hallford deutlich früher an und widmet sich zunächst King’s Bounty sowie der eigentlichen Might and Magic-Reihe. Gerade jüngere Spieler wissen oft gar nicht mehr, wie eng diese Serien ursprünglich miteinander verbunden waren. Heroes entstand schließlich nicht im luftleeren Raum, sondern entwickelte sich direkt aus den Ideen früherer Might-and-Magic-Titel weiter.
Das sorgt dafür, dass man viele Designentscheidungen plötzlich besser versteht. Warum Helden ursprünglich nur Unterstützungseinheiten waren. Weshalb Ressourcenmanagement eine so zentrale Rolle spielte. Oder warum sich die Reihe immer wieder zwischen Rollenspiel und Strategiespiel bewegte. Gerade diese historischen Zusammenhänge machen das Buch deutlich wertvoller als eine bloße Jubiläumschronik.
Natürlich nimmt Heroes of Might and Magic III den größten Raum ein. Das überrascht wenig, schließlich gilt der dritte Teil bis heute für viele Fans als absoluter Höhepunkt der Reihe. Hallford analysiert ausführlich, warum genau dieser Teil eine solche Sonderstellung besitzt. Die Mischung aus perfektem Spielfluss, ikonischem Fraktionsdesign, riesiger Kampagnenstruktur und dem nahezu zeitlosen Artstyle wird ausführlich beleuchtet. Besonders spannend sind dabei die Hintergrundgeschichten zur Entwicklung der einzelnen Fraktionen und Kreaturen.
Gleichzeitig verliert das Buch aber nie den Blick auf die gesamte Serienhistorie. Selbst das kommende Heroes of Might and Magic: Olden Era wird bereits thematisiert. Hallford führte laut eigenen Aussagen Interviews mit Entwicklern aus praktisch allen Epochen der Reihe. Dadurch entsteht tatsächlich das Gefühl einer vollständigen Serienchronik und nicht bloß eines nostalgischen Rückblicks auf die „goldenen Jahre“.
Gerade Fans der alten New-World-Computing-Ära kommen hier voll auf ihre Kosten. Viele Illustrationen erinnern daran, wie stark Fantasy-PC-Spiele der 90er noch von klassischer Cover-Art geprägt waren. Lange bevor generische CGI-Render oder KI-generierte Motive den Markt überschwemmten, transportierten diese Bilder Abenteuerlust, Größe und Fantasie allein durch ihre Gestaltung. Genau dieses Gefühl fängt das Buch hervorragend ein.
Besonders schön: Das Material wirkt nicht wahllos zusammengeschmissen. Bilder und Texte ergänzen sich sinnvoll. Man blättert nicht einfach nur durch hübsche Grafiken, sondern bekommt Kontext dazu geliefert. Warum bestimmte Designs verworfen wurden. Welche Ideen ursprünglich geplant waren. Oder wie technische Einschränkungen manche Kreaturen überhaupt erst in ihre endgültige Form zwangen.

Die größte Stärke des Buches
Was das Buch letztlich so stark macht, ist seine Perspektive. Hallford schreibt nicht wie ein distanzierter Journalist, sondern wie jemand, der selbst Teil dieser Zeit war. Trotzdem kippt das Ganze nie in nostalgische Selbstbeweihräucherung ab. Stattdessen entsteht fast schon eine Dokumentation über eine Ära der PC-Spieleentwicklung, in der kleine Teams mit vergleichsweise begrenzten Mitteln absolute Klassiker erschufen.
Gerade die Geschichten über den Alltag bei New World Computing gehören zu den Highlights des Buches. Wie improvisiert teilweise gearbeitet wurde. Wie Ideen spontan entstanden. Oder wie chaotisch manche Entwicklungsphasen verliefen. Das alles macht die Serie plötzlich greifbarer und menschlicher.
Gleichzeitig wird klar, wie stark Heroes of Might and Magic die gesamte Strategiespiel-Landschaft geprägt hat. Viele moderne rundenbasierte Spiele greifen bis heute auf Systeme zurück, die Heroes popularisiert oder perfektioniert hat. Der Einfluss der Reihe ist enorm – und genau das arbeitet das Buch hervorragend heraus.
Kleine Schwächen
Ganz perfekt ist die Chronik allerdings nicht. Einige Fans dürften sich wünschen, dass die Lore und die eigentlichen Storys der Spiele noch stärker behandelt werden. Figuren wie Sandro, Catherine Ironfist oder Gelu tauchen zwar natürlich auf, stehen aber selten vollständig im Mittelpunkt. Hallford interessiert sich primär für die Entwicklungsgeschichte hinter den Spielen, weniger für eine ausführliche Lore-Aufarbeitung der Fantasy-Welten selbst.
Zudem merkt man dem Buch an einigen Stellen an, dass es unglaublich viel Material in relativ begrenztem Umfang unterbringen muss. Manche Kapitel hätte man problemlos noch deutlich weiter ausbauen können – gerade rund um Heroes III oder die chaotische Entwicklung von Teil IV.
Fazit
Heroes of Might and Magic: 30 Jahre – Die ultimative Chronik ist genau das Buch, das sich Fans der Reihe seit Jahren gewünscht haben. Statt trockener Daten und oberflächlicher Nostalgie bekommt man hier eine ausführliche Zeitreise durch die Geschichte einer der wichtigsten Strategiespielreihen aller Zeiten.
Für Gelegenheitsspieler dürfte der Preis und die enorme Detailtiefe vielleicht etwas abschreckend wirken. Wer jedoch mit Heroes aufgewachsen ist, nächtelang Karten gebaut oder sich in Hot-Seat-Duellen um Minen und Burgen gestritten hat, bekommt hier ein nahezu perfektes Liebhaberbuch.
Verlag: Panini
Autor: Neal Hallford
Release: 24. November 2025

Schon seit meinem dritten Lebensjahr bin ich leidenschaftlicher Videospieler. Angefangen hat alles mit dem Nintendo Entertainment System – seitdem begleitet mich die Faszination für interaktive Welten bis ins Erwachsenenalter. Heute verbinde ich diese Leidenschaft mit meinem Beruf: Als PR-Manager, freier Redner und Texter arbeite ich in der Games- und Medienbranche und betreue Projekte rund um kreative Köpfe und spannende Marken. Ein besonderer Schwerpunkt meiner Arbeit liegt im Management und in der Betreuung japanischer Videospielentwicklertalente, die ich auf Conventions und Events weltweit vertrete.

