Retro-Collections haben es heute schwerer als noch vor ein paar Jahren. Früher hat es gereicht, alte Spiele sauber zum Laufen zu bringen und ein paar Komfortfunktionen draufzupacken. Heute erwartet man mehr. Kontext, Extras, echte Aufarbeitung.
Die Marvel MaXimum Collection steht genau an diesem Punkt. Auf dem Papier klingt das Paket ordentlich. Mehrere Spiele, verschiedene Versionen, Klassiker aus der 8-Bit-Ära bis hin zum Arcade. Dazu die üblichen Komfortfunktionen, die man inzwischen erwartet. Die spannende Frage ist nicht, ob hier Inhalte drin sind. Die sind da. Die Frage ist, wie gut dieses Paket mit seinem eigenen Material umgeht.

Die Spiele im Detail
X-Men: The Arcade Game
Machen wir es direkt klar. Das hier ist der Grund, warum diese Sammlung existiert. Konamis Prügler aus den frühen Neunzigern funktioniert auch heute noch erstaunlich gut. Große Sprites, knallige Effekte, direktes Gameplay und genau das richtige Maß an Chaos, wenn mehrere Spieler gleichzeitig auf den Bildschirm losgehen. Bis zu sechs Spieler gleichzeitig, online oder lokal. Genau so muss das sein. Wer das Ding mit einer vollen Runde spielt, versteht sofort, warum Arcade-Hallen früher funktioniert haben.
Spielerisch bleibt es simpel. Draufhauen, Spezialattacken zünden, weiterziehen. Aber das sitzt. Das Tempo stimmt, die Figuren fühlen sich unterschiedlich an und die Bosskämpfe haben genau die richtige Mischung aus Trash und Druck.
Dazu kommt der historische Kontext, der dem Spiel noch einmal Gewicht gibt. Anfang der Neunziger waren die X-Men auf ihrem absoluten Höhepunkt. Comics gingen durch die Decke, Zeichentrickserien standen vor dem Start, Figuren waren überall. Dieses Spiel ist ein Produkt genau dieser Zeit.Und genau deshalb wirkt es auch heute noch so stimmig.

Spider-Man and the X-Men in Arcade’s Revenge
Hier wird es holpriger. Mehrere Figuren, unterschiedliche Level, eigene Fähigkeiten. In der Praxis wird daraus ein Spiel, das euch regelmäßig gegen die Wand laufen lässt. Der Schwierigkeitsgrad ist nicht einfach nur hoch, er ist oft unfair. Treffer fühlen sich willkürlich an, Abschnitte sind unnötig frustrierend und vieles wirkt eher wie Trial and Error als wie sauberes Design. Ja, Speicherstände und Rückspulfunktion helfen. Aber sie retten kein Spiel, das sich von Grund auf sperrig anfühlt. Interessant bleibt der Titel trotzdem, einfach weil Spider-Man und die X-Men hier gemeinsam auftreten. Spaßig wird das Ganze aber selten.
Spider-Man and Venom: Maximum Carnage
Optisch fällt das Spiel direkt auf. Knallige Farben, Comic-Look, alles schreit nach Neunziger. Spielerisch bleibt davon weniger hängen. Das Kampfsystem wirkt träge, Gegner wiederholen sich ständig und die Mechanik nutzt sich schnell ab. Dazu kommt, dass man nicht gleichzeitig im Koop unterwegs ist, sondern zwischen Figuren wechselt. Das fühlt sich verschenkt an. Das Spiel lebt vor allem vom Namen und der Vorlage. Die eigentliche Umsetzung kann da nicht mithalten.
Spider-Man and Venom: Separation Anxiety
Der direkte Nachfolger macht ein paar Dinge besser. Koop ist endlich möglich, der Fokus liegt stärker auf Venom und insgesamt wirkt das Spiel etwas strukturierter. Trotzdem bleibt vieles im selben Bereich wie beim Vorgänger. Die Kämpfe ziehen sich, echte Highlights sind selten und der Funke springt nicht dauerhaft über. Für Fans der Vorlage ist das nett. Für alle anderen eher Durchschnitt.

Captain America and the Avengers
Ein klassischer Arcade-Beat’em-Up mit viel Charme, aber auch spürbaren Macken. Optisch macht das Spiel noch immer etwas her. Große Figuren, comicartige Effekte und viele bekannte Gegner sorgen für Stimmung. Dazu kommen kleine Details, die das Ganze wie ein lebendiges Comic wirken lassen. Spielerisch fühlt sich das Ganze jedoch nicht rund an. Treffer haben wenig Wucht, Kombinationen brechen schnell ab und der Spielfluss wirkt unrunder als bei Genregrößen aus derselben Zeit. Trotzdem bleibt der Titel unterhaltsam, gerade wegen seines absurden Charmes. Dialoge sind teilweise herrlich schräg und tragen mehr zur Unterhaltung bei als so mancher Kampf.
Silver Surfer
Das ist der Ausreißer der Sammlung. Kein Prügelspiel, sondern ein Shooter. Und was für einer. Schon nach wenigen Minuten wird klar, dass hier Geduld gefragt ist. Ein Treffer reicht und ihr seid weg. Egal ob Projektil oder Umgebung. Das sorgt für Frust, keine Frage. Gleichzeitig steckt hier eine interessante Idee drin. Das Spiel mischt verschiedene Perspektiven, setzt auf ungewöhnliche Levelstruktur und versucht mehr als viele andere Titel aus der Zeit. Was bleibt, ist ein Spiel, das man eher aus Neugier spielt als aus Spaß. Der Soundtrack hingegen bleibt im Ohr.
Umfang, Inhalte und Modi
Die Sammlung bringt mehrere Versionen der Spiele mit, was tatsächlich ein Pluspunkt ist. Unterschiede zwischen Systemen waren früher deutlich größer als heute und genau das lässt sich hier gut nachvollziehen.
Dazu kommen die üblichen Features. Speicherstände, Rückspulfunktion, Musikplayer und einige Filter, die das Bild an alte Displays anpassen sollen. Das funktioniert alles wie erwartet. Auch Verpackungen der Originalspiele sind enthalten. Eine nette Idee, auch wenn hier mehr drin gewesen wäre. Gerade bei so einer Sammlung hätte man sich mehr Hintergrundmaterial gewünscht. Und genau da liegt das Problem. Diese Collection konserviert Spiele, erklärt sie aber kaum. Warum diese Titel entstanden sind, warum sie wichtig waren oder warum manche davon eben nicht gut gealtert sind, bleibt weitgehend außen vor. Das fühlt sich wie eine verpasste Chance an.

Grafik & Sound
Die Emulation selbst macht ihren Job. Die Spiele laufen sauber, Eingaben reagieren direkt und die Darstellung bleibt stabil. Die Filter sind Geschmackssache. Wer den alten Look will, bekommt ihn. Wer klare Pixel bevorzugt, bleibt dabei. Soundtechnisch gibt es nichts zu meckern. Die Spiele klingen so, wie sie klingen sollen. Manche Tracks sind heute noch stark, andere eher zweckmäßig. Das Problem liegt nicht in der Technik, sondern in der Präsentation. Es fehlt an Material, das die Spiele einordnet. Keine tieferen Einblicke, kaum Hintergrundinfos, wenig echte Aufbereitung. Gerade bei so einer Marke hätte man mehr erwarten können.
Fazit
Die Marvel MaXimum Collection liefert genau das, was man erwarten kann, aber eben auch nicht viel mehr. Das Herzstück ist klar das X-Men-Arcade-Spiel. Das funktioniert auch heute noch, vor allem mit mehreren Spielern. Der Rest schwankt zwischen interessant, durchschnittlich und anstrengend. Als Sammlung zur reinen Bewahrung funktioniert das Paket. Die Spiele sind da, sie laufen, sie lassen sich komfortabel spielen. Wer sich für alte Superhelden-Games interessiert, bekommt hier einen soliden Überblick.
Was fehlt, ist die Einordnung. Warum diese Spiele wichtig waren, warum sie so sind, wie sie sind, und warum manche davon trotz ihrer Schwächen ihren Platz verdient haben. Genau das hätte diese Collection gebraucht. So bleibt ein Paket, das man sich vor allem wegen eines einzigen Spiels holt und den Rest eher mitnimmt.
- Plattform: PlayStation 5 (getestet), Nintendo Switch, Steam
- Publisher: Limited Run Games
- Entwickler: Limited Run Games
- Genre: Beat em Up, Shooter, Adventure
- Release: 27. März 2026
- USK-Freigabe: 12

Schon seit meinem dritten Lebensjahr bin ich leidenschaftlicher Videospieler. Angefangen hat alles mit dem Nintendo Entertainment System – seitdem begleitet mich die Faszination für interaktive Welten bis ins Erwachsenenalter. Heute verbinde ich diese Leidenschaft mit meinem Beruf: Als PR-Manager, freier Redner und Texter arbeite ich in der Games- und Medienbranche und betreue Projekte rund um kreative Köpfe und spannende Marken. Ein besonderer Schwerpunkt meiner Arbeit liegt im Management und in der Betreuung japanischer Videospielentwicklertalente, die ich auf Conventions und Events weltweit vertrete.

