9 R.I.P.
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9 R.I.P.

Mit 9 R.I.P. liefert Idea Factory einmal mehr ein Otome-Spiel ab, das auf den ersten Blick vertraut wirkt, sich durch sein übernatürliches Setting aber deutlich von vielen Genre-Kollegen abhebt. Während andere Otome-Spiele häufig auf historische Settings, Fantasyreiche oder Mafia-Dramen setzen, bewegt sich 9 R.I.P. konstant zwischen Geistergeschichte, Urban-Legend-Horror, melancholischer Romanze und leichtfüßigem Humor. Genau diese Mischung macht den Reiz des Spiels aus – auch wenn schnell klar wird, dass Otomate hier bewusst nicht an die Grenzen des Horrors gehen wollte.

Die Geschichte dreht sich um Misa, eine eher zurückhaltende Schülerin, die versucht, den Druck ihres Alltags zu bewältigen. Ihre Mutter drängt sie in eine Zukunft, die sie selbst gar nicht will, gleichzeitig besucht sie eine Schule, um die sich zahlreiche urbane Legenden ranken. Wer sich mit japanischen Horror-Geschichten beschäftigt hat, kennt das Prinzip der „sieben Schulmysterien“ natürlich längst. Verfluchte Räume, geisterhafte Erscheinungen oder tödliche Gerüchte gehören dort praktisch zur Grundausstattung. 9 R.I.P. nutzt dieses bekannte Fundament allerdings erstaunlich effektiv, weil die Atmosphäre von Beginn an leicht unangenehm wirkt, ohne direkt voll auf Horror zu setzen.

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Der eigentliche Wendepunkt kommt früh: Nach einer Begegnung mit einer der Legenden wacht Misa plötzlich als Geist auf. Niemand aus der realen Welt kann sie noch sehen oder hören, stattdessen tauchen nach und nach verschiedene spirituelle Wesen und Geister auf – und natürlich handelt es sich dabei überwiegend um äußerst attraktive Männer. Von dort aus verzweigt sich die Handlung in zahlreiche Routen und spirituelle Welten, die sich tonal teilweise stark unterscheiden. Einige Abschnitte sind beinahe verspielt und humorvoll, andere versuchen sich an psychologischem Horror, traurigen Schicksalen oder romantischer Melancholie. Genau dieses permanente Wechselspiel sorgt dafür, dass 9 R.I.P. über seine enorme Spielzeit hinweg überraschend abwechslungsreich bleibt.

Besonders stark ist dabei das Writing der einzelnen Charaktere. Zwar arbeitet Otomate erneut mit bekannten Archetypen, doch die Dynamik zwischen Misa und den verschiedenen Geistern funktioniert ausgesprochen gut. Einige Charaktere wirken geheimnisvoll und distanziert, andere beinahe absurd exzentrisch. Trotzdem hat kaum eine Route echte Längen. Selbst wenn einzelne Storylines stärker sind als andere, fällt keine davon komplett ab. Das ist gerade bei Otome-Spielen dieser Größenordnung alles andere als selbstverständlich.

Allerdings sollte man sich vom Marketing nicht täuschen lassen: 9 R.I.P. ist kein echtes Horror-Spiel. Zwar gibt es dunkle Themen wie Selbstverletzung, Verlust, Missbrauch oder Suizid, doch Otomate inszeniert diese Inhalte vergleichsweise vorsichtig. Wer bereits Spiele wie Virche Evermore, Piofiore: Fated Memories oder Olympia Soiree kennt, wird schnell merken, dass 9 R.I.P. deutlich zahmer bleibt.

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Diese Spiele waren teilweise brutal, verstörend oder emotional extrem belastend. Dagegen fühlt sich 9 R.I.P. fast schon sanft an. Das bedeutet nicht, dass die Geschichte keine ernsten Momente hätte – aber sie verweigert sich konsequent echter Eskalation. Genau dadurch entsteht ein leicht frustrierender Eindruck von verpasstem Potenzial. Das Setting rund um Geisterwelten und urbane Legenden hätte problemlos deutlich verstörender oder psychologisch intensiver ausfallen können.

Spielerisch bleibt Otomate dagegen weitgehend bei der klassischen Formel. Entscheidungen beeinflussen Beziehungen zu den Charakteren sowie Misas geistigen Zustand, dazu kommen kleinere Kartenabschnitte, auf denen man Orte auswählt und bestimmte Ereignisse aktiviert. Das Rad wird hier definitiv nicht neu erfunden, allerdings funktioniert die Struktur inzwischen so routiniert, dass selbst lange Visual Novels selten langweilig werden. Otomate versteht schlicht, wie man Spannungskurven innerhalb dieser Art von Spiel aufrechterhält.

Richtig stark ist dagegen erneut die Präsentation. Die Charakterdesigns stammen von Yuuya, die bereits bei Cupid Parasite großartige Arbeit geleistet hat. Auch in 9 R.I.P. stechen die Figuren sofort hervor. Die Farbgestaltung ist opulent, teilweise fast dekadent, ohne jemals unübersichtlich zu wirken. Besonders die CGs profitieren davon enorm. Wenn das Spiel tatsächlich einmal Horror-Elemente auspackt, verstärkt der Stil die Wirkung deutlich. Interfaces, Menüs und Hintergründe sind ebenfalls hochwertig gestaltet und verleihen dem Spiel einen konstant eleganten Look.

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Auch musikalisch passt vieles hervorragend zusammen. Der Soundtrack setzt weniger auf klassische Horror-Musik als auf melancholische und atmosphärische Stücke, die die geisterhafte Stimmung gut tragen. Dazu kommt eine starke japanische Sprachausgabe, die den Figuren deutlich mehr Persönlichkeit verleiht. Gerade emotionalere Szenen profitieren enorm davon.

Letztlich ist 9 R.I.P. vielleicht am interessantesten als Tonexperiment innerhalb des Genres. Das Spiel bewegt sich konstant zwischen Romanze, Mystery, leichter Tragik und paranormaler Atmosphäre, ohne sich jemals vollständig festzulegen. Genau das macht es gleichzeitig faszinierend und etwas frustrierend. Denn obwohl das Writing stark ist, die Figuren funktionieren und die Präsentation hervorragend ausfällt, bleibt das Gefühl bestehen, dass Otomate hier bewusst auf Nummer sicher gegangen ist. Das Spiel kratzt mehrfach an echtem Horror, zieht dann aber fast immer zurück.

Trotzdem ist 9 R.I.P. ein sehr gutes Otome-Spiel geworden. Wer eine düstere Geistergeschichte mit sympathischen Charakteren, starker Optik und emotionalen Routen sucht, bekommt hier eine der atmosphärischsten Veröffentlichungen von Otomate der letzten Jahre. Wer dagegen auf echten Horror hofft, sollte die Erwartungen etwas herunterschrauben. Dafür bleibt das Ganze letztlich zu verspielt, zu romantisch und zu zurückhaltend.

9 R.I.P.
9 R.I.P.
  • Plattform: Nintendo Switch 1/2 (getestet), Steam
  • Publisher: Reef Entertainment
  • Entwickler: Idea Factory
  • Genre: Visual Novel
  • Release: 06. Dezember 2024
  • USK-Freigabe: 16