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The Mermaid of Zennor

Visual Novels zeichnen sich oft durch eine emotionale Geschichte und vielschichtige Charaktere aus. Mit The Mermaid of Zennor bringt ebi ein Werk heraus, das nicht nur diese Elemente vereint, sondern die Grenzen des Erträglichen auslotet. Was auf den ersten Blick wie eine melancholische Erzählung über Einsamkeit und Sehnsucht wirkt, entpuppt sich schnell als intensives Psychodrama, das den Spieler nicht unberührt lässt.

Die Geschichte – Eine düstere Obsession

Die Handlung von The Mermaid of Zennor ist im gleichnamigen Dorf an der rauen Küste Cornwalls angesiedelt. Das Dorf ist bekannt für die Legende einer Meerjungfrau, die sich unglücklich in ein Mitglied des Kirchenchors verliebte. Diese tragische Geschichte bildet die düstere Kulisse für die Erzählung rund um Lilac, ein isoliertes, depressives Mädchen im Teenageralter, das sich aufgrund ihrer Autismus-Spektrums-Störung schwer in die Gesellschaft einfügen kann.

The Mermaid of Zennor
The Mermaid of Zennor

Im Mittelpunkt steht Lilacs ungesunde Besessenheit von ihrem älteren Stiefbruder Jesse, der als einzige Person in ihrem Leben stets freundlich zu ihr war. Während ihre Eltern mit ihrer eigenen zerrütteten Beziehung beschäftigt sind und Lehrer wie Mitschüler ihr oft mit Unverständnis begegnen, ist Jesse für Lilac der einzige Lichtblick. Doch als Jesse für ein Studium nach London geht, stürzt Lilac in eine tiefe Depression. Die Rückkehr ihres Bruders zur Weihnachtszeit weckt in ihr neue Hoffnung, doch diese zerbricht schlagartig, als er seine neue Freundin Skyler mitbringt.

Fortan versinkt Lilac in einer Abwärtsspirale aus Eifersucht und Verzweiflung. Die Erzählung bietet tiefe Einblicke in ihre verstörende Gedankenwelt – zwischen Melancholie, Hass und einer verzweifelten Suche nach Nähe. Dabei gelingt es dem Spiel, die fragile Balance zwischen Empathie für die Protagonistin und Abscheu gegenüber ihren destruktiven Impulsen zu halten.

Gameplay und Spielerlebnis – Eindringlich und fordernd

The Mermaid of Zennor erzählt die Geschichte konsequent aus Lilacs Perspektive. Spieler erleben die Handlung durch ihre verstörende Sichtweise, was eine beklemmende Atmosphäre schafft. Das Spiel setzt auf klassische Visual-Novel-Mechaniken, wobei die Entscheidungen eher subtilen Einfluss auf die Handlung nehmen. Es geht weniger darum, die Geschichte aktiv zu formen, als vielmehr, die Konsequenzen von Lilacs Gefühlen und Handlungen zu erleben.

The Mermaid of Zennor
The Mermaid of Zennor

In typischer ebi-Manier gibt es zwei Enden: ein realistisches, das Hoffnung und Heilung andeutet, und ein zutiefst verstörendes, das die Verzweiflung auf die Spitze treibt. Beide Enden spiegeln die Dualität von Lilacs Innenleben wider: die Suche nach Akzeptanz und die drohende Selbstzerstörung. Der Weg dorthin ist jedoch nichts für schwache Nerven – das Spiel fordert die emotionale Belastbarkeit seiner Spieler heraus.

Grafik und Sound – Eine beklemmende Atmosphäre

Optisch präsentiert sich The Mermaid of Zennor eher minimalistisch, doch die handgezeichneten Charaktere und das durchdachte Design der Benutzeroberfläche tragen zur dichten Atmosphäre bei. Besonders die Darstellung der Protagonistin Lilac überzeugt – ihre Mimik und Körpersprache spiegeln die innere Zerrissenheit wider. Der Fokus auf wenige zentrale Figuren unterstreicht ihre Isolation – alle anderen Personen bleiben unsichtbar, was ihren verzerrten Blick auf die Welt glaubhaft macht.

Der Soundtrack spielt eine wesentliche Rolle bei der Vermittlung der bedrückenden Stimmung. Schon das Hauptmenü, dominiert von düsteren elektronischen Klängen und der unruhigen Brandung des Ozeans, stimmt auf die emotionale Schwere der Geschichte ein. Während die Musik die düsteren Abschnitte gekonnt untermalt, wirkt sie in ruhigeren Szenen jedoch oft zu dominant. Besonders bei Gesprächen mit Lilacs einziger Freundin oder der Schulpsychologin hätte etwas akustische Leichtigkeit die Wirkung verstärken können. Stattdessen bleibt der drückende Soundteppich oft unangenehm präsent, was einige Szenen unnötig beschwert.

The Mermaid of Zennor
The Mermaid of Zennor

Fazit: The Mermaid of Zennor verlangt dem Spieler einiges ab. Wer sich auf die intensive Auseinandersetzung mit Lilacs verzweifelter Gedankenwelt einlässt, wird mit einer Geschichte konfrontiert, die die Grenzen des Tragbaren auslotet, ohne in plakative Dramatik abzurutschen. Gerade die realistische Darstellung psychischer Probleme und die unverblümte Thematisierung von Isolation und Obsession machen das Spiel so eindringlich.

Trotz der gelungenen Charakterzeichnung und der fesselnden Erzählweise könnte der monotone Soundtrack manche Spieler abschrecken. Auch die bewusste Entscheidung, die Handlung vollständig durch Lilacs verzerrte Wahrnehmung zu erzählen, lässt die Nebenfiguren bisweilen zu eindimensional wirken. Dennoch bleibt die Erzählung authentisch und konsequent, ohne den Charakter ihrer Hauptfigur zu romantisieren oder zu verurteilen.

Wer auf emotionale Visual Novels steht und sich nicht von psychologischer Schwere abschrecken lässt, sollte The Mermaid of Zennor eine Chance geben. Das Spiel bietet eine eindrucksvolle und unbequeme Auseinandersetzung mit Themen wie Einsamkeit, unerfüllter Liebe und seelischer Zerrüttung. Auch wenn es nicht für jeden geeignet ist, hinterlässt es bei denen, die sich darauf einlassen, einen bleibenden Eindruck.

  • Plattform: Nintendo Switch (getestet), PlayStation 4/5, Xbox Series X, PC
  • Publisher: Penguin Pop Games
  • Entwickler: ebi
  • Genre: Visual Novel
  • Spieleranzahl: 1
  • USK: 6
  • Release: 22. Mai 2024

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