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George R.R. Martin Masterclass Teil 3

GRRM: Zeigt den Ruhm, die Trauer, den Schmerz und die Opfer des Krieges. Ich bin kein Pazifist – aber ich war zur damaligen Zeit (und bin es auch noch heute) gegen den Vietnam-Krieg. Gerade dieser Krieg war äußerst unmoralisch und illegal – wie eigentlich jeder amerikanische Krieg seit… nun eigentlich schon seit meiner Lebzeit.

Wenn man in die amerikanische Armee eintreten möchte, gibt es ein Feld, das man ankreuzen kann, wenn man absoluter Pazifist ist und kein menschliches Leben je nehmen möchte und kann. Ich selbst würde mich nicht dazu zählen, ich habe zwar nie ein menschliches Leben genommen, kann mir jedoch vorstellen dies unter gewissen Umständen zu tun.

Dabei kommen dann natürlich typische Fragen wie: „Was würdest du tun, wenn Adolf Hitler deine Großmutter vergewaltigt?“.

Ja… ich würde Adolf Hitler umbringen wenn er meine Großmutter vergewaltigen würde… ich würde ihn wohl auch töten nur aufgrund der Tatsache, dass er Adolf Hitler ist. Jedenfalls war der zweite Weltkrieg damals nicht der aktuelle Krieg, sondern der in Vietnam. Ich bin der Meinung, dass Ho-Chi-Min nicht Adolf Hitler war und genauso wenig Sauron.


Als Autor werden wir immer wieder damit konfrontiert, dass es natürlich einfach ist Bücher zu schreiben, in denen Archetypen wie Sauron oder Morgoth die Bösen sind. Der Held kämpft dabei gegen den „Dark Lord“, „The Rotten One“, „The Bad Guy“ oder … „The Mellace“ oder wie zur Hölle ihr euren großen Bösewicht nennen wollt.
Das richtige Leben kann uns diese Schwarz/Weiß-Malerei allerdings nicht bieten. Ich möchte immer das notwendige Level an Realismus in meine Fiktionen bringen.

*Nun werden wir Fragen aus dem Publikum zulassen. Haben Sie ihren Übersetzer?

GRRM: Nein ich habe keinen bei mir, benötige ich einen?

*Bekommen wir einen Übersetzer?

GRRM: Die Übersetzer kommen – wie auch der Winter (Translators are coming – so is winter)

*Publikum lacht & applaudiert*

*Welches Buch war das letzte, das sie gelesen haben und welche Bücher lesen sie immer wieder gerne?

GRRM: Ich lese „Der Herr der Ringe“ alle paar Jahre wieder seitdem ich es im Alter von 12 und 13 das erste Mal gelesen habe. Jedes Mal wenn ich es lese entdecke ich etwas Neues. Was ich auch immer wieder gerne lese, ist F. Scott Fitzgeralds „The Great Gatsby“. Wir haben vorher über Romantik gesprochen und das ist eines der romantischsten Bücher, die ich je gelesen habe. Ich hab es zu einer Zeit gelesen, wo mir das Herz öfter gebrochen wurde und ich meine wohl romantischsten Sci-Fi Geschichten geschrieben habe.

Es ist interessant, dass wir über diese Frage wieder zum Thema Romantik gekommen sind. Ich war vor einigen Jahren in Spanien und hatte ein Abendessen mit einer spanischen Dame – ein großer Fan von Sci-Fi und Romantik-Büchern. Sie hat viele meiner Bücher gelesen, über die andere Menschen sagten, ich sei ein äußerst romantischer Schriftsteller. Während dem Essen fuhr sie mich dann an: „Was erzählst du denn da? Du bist kein romantischer Schriftsteller. Niemand lebt in deinen Büchern glücklich und zufrieden bis in alle Ewigkeit. “

Ich hab mich in diesem Moment wirklich angegriffen gefühlt und gesagt, dass dies eine ganz andere Art der Romantik sei. Ich bin ein romantischer Schriftsteller im traditionellen Sinne von „The Great Gatsby“ und „Romeo & Julia“. Diese Geschichten haben nicht unbedingt ein gutes Ende.

Letzten Endes sagte sie aber nur: „Nein du liegst falsch, sie müssen am Ende glücklich zusammen sein sonst ist es nur traurig“.

*lacht*

*Wie fühlt es sich an, dass dank der Serie ihre Schöpfung zum Leben erweckt wird?

GRRM: Ich war sehr nervös zu Beginn da … nun du übergibst dein Baby an fremde Leute und weißt ja nicht, wie sie es behandeln. Aber ich habe mein Baby an die besten Leute übergeben, die ich kenne. Danny Hoff und Dan Wise sind ein unglaublich tolles Schreiberduo, die großartige Arbeit geleistet haben. Aber auch HBO ist eines der besten Produktionsstätten im amerikanischen Fernsehen. HBO hat das Niveau von Fernsehproduktionen auf ein ganz neues Level gehoben, das man sich zuvor nicht vorstellen konnte. Ich hab mein Möglichstes getan und wurde wundervoll dafür belohnt.


*Ich habe eine Frage zu ihrem Schreibvorgang. Ihre Bücher haben viele Charaktere, die sehr viel Potenzial haben, aber nur für eine kurze Zeit auftauchen. Ich denke dabei zum Beispiel an Weasel – wenn sie diese Charaktere schreiben, haben sie dabei eine Hintergrundgeschichte im Kopf? Wissen sie was mit diesen in der Zukunft passieren könnte, oder sind sie nur für den Zeitraum der Geschichte im Buch in ihrem Kopf?

GRRM: Ich habe in der Regel eine Hintergrundgeschichte für solche Charaktere im Kopf. Es mag keine sehr detaillierte sein, ich könnte sicher kein Buch mit der Hintergrundgeschichte von Weasel füllen, aber ich hab eine Vorstellung, wo sie war oder wo sie herkommt. Ich weiß nicht unbedingt was mit ihr passiert, nachdem sie die Charaktere verlässt, das ist eine andere Thematik. Sollte sie allerdings wieder in meiner Geschichte auftauchen, weiß ich dann, was in der Zwischenzeit mit ihr passiert ist.

Ich habe Jack Vance erwähnt. Ein Autor, den ich seit einer langen Zeit sehr schätze und habe mit 40 anderen Autoren an einem Tributbuch mit dem Namen „Songs of the dying Earth“- Geschichten in seinem Stil geschrieben.
Vance hatte die Gabe alle seine Charaktere, selbst wenn sie nur kurz in den Geschichten vorkamen, zum Leben zu erwecken. Man hat immer das Gefühl, dass seine Figuren reale Personen sind mit ihren eigenen Überzeugungen und Charaktereigenschaften.

Die Figuren wussten nicht, dass sie nur eine Randfigur waren, sie dachten die Geschichte dreht sich um sie. Ich habe immer versucht seine Herangehensweise auf meine Charaktere zu übertragen, denn so funktioniert es im realen Leben. Wir sind alles eigenständige Individuen und sehen die Welt mit unseren eigenen Augen. Ich erlebe dieses Event hier zum Beispiel von der Bühne aus und geben eine „Master-Class“. Ihr erlebt es aus den Augen eines Zuschauers, hört zu und geht danach eventuell etwas essen. Einige von euch sind fasziniert und andere vielleicht gelangweilt.

Wir erleben jede Situation auf unsere eigene einzigartige Art und Weise. Genau das versuche ich in meinen Büchern rüber zu bringen. Hauptcharaktere wissen nicht, dass sie Hauptcharaktere sind. Sie denken, dass ist ihre Geschichte – ihre Erlebnisse die sie in ihrem Leben erleben.

Wenn ihr das in Erinnerung behaltet, kann es euch gelingen die Charaktere wirklich zum Leben zu erwecken und sie nicht nur als Statisten darzustellen. Das versuche ich zumindest und Vance hat mir diesen Ansatz näher gebracht.

*Welchen Rat hätten sie gerne erhalten, als sie begonnen haben Geschichten zu schreiben?

GRRM: Nun ich habe viele gute Ratschläge bekommen von Sci-Fi- und Fantasy-Schriftstellern. Sci-Fi und Fantasy sind Gemeinschaften seit den frühen 30er Jahren, als sie begonnen haben Connventions zu veranstalten. Ich finde wir haben großes Glück in diesem Genre solch eine Gemeinschaft zu haben. Die älteren und erfahrenen haben den jüngeren Autoren immer Ratschläge gegeben. Auch ich habe davon sehr profitiert.


Ich glaube es war Robert E. Highline der einmal sagt: „Es ist wohl unmöglich das zurückzuzahlen, was du als Hilfe erhalten hast, deswegen solltest du vorauszahlen und denen Ratschläge mit auf den Weg geben die nach dir kommen“. Und das erlebt man oft im Sci-Fi und Fantasy Genre.

Natürlich haben sich die Umstände und der Markt verändert. Die Ratschläge die ich 1971 bekommen habe, werden euch heute sicherlich nicht mehr viel helfen.
Der Markt verändert sich auch ständig. Wir leben in einer modernen neuen Welt mit dem Internet, dem E-Publishing und Self-Publishing wodurch neue Möglichkeiten der Distribution und Vermarktung geschaffen werden.

Ich denke den besten Rat den ich geben kann ist der, der seit ewigen Zeiten besteht. Schreibt, schreibt jeden Tag und schreibt jeden Tag. Schickt es raus und macht es bekannt. Der andere Rat ist – lest! Lest ausgiebig. Lest aber nicht nur Fantasy, falls ihr das schreibt. Lest historisches oder fiktive Geschichte. Lest Klassiker der Literatur, lest alles. Vielleicht hat der ein oder andere Autor eine gute Technik, die ihr nutzen oder klauen könnt. Schreibt und lest soviel ihr könnt.

Der Rest liegt in den Händen der Götter. Oder heiratet jemand der viel Geld hat *lacht*

*Wer ist ihr Lieblingscharakter in „Das Lied von Eis und Feuer“?

GRRM: *lacht* Tyrion – da er der Cleverste ist.

*Publikum applaudiert*

Kommt schon – ich mag sie alle. Ich mag Arya, Dany, Sansa,  sogar Thyon…
Ich mag sie einfach alle. Einige von ihnen sind verrückt und viele von ihnen haben Probleme – aber es sind nun mal meine Kinder. Wahrscheinlich die einzigen, die ich jemals haben werde.

*Wenn sie beschließen ihre Charaktere zu töten, kommt es vor das es sie verletzt, wütend macht oder sie sogar weinen?

GRRM: Ja. Die „Red Wedding“ war das heftigste, das ich je geschrieben habe. Ich konnte diesen Teil der Geschichte lange nicht schreiben. Als ich beim Schreiben an die Stelle gekommen bin, habe ich sie übersprungen und mit dem Rest des Buches weitergemacht. Danach musste ich jedoch zurück zu dieser Stelle und sie schreiben. Es war sehr schwer für mich das zu schreiben.

*Wenn man sich „Game of Thrones“ das erste Mal ansieht, könnte man vermuten, dass es von einer Frau geschrieben wurde. Aufgrund der realistischen Darstellung und Motive der weiblichen Charaktere im Buch.

GRRM: Vielen Dank … glaube ich. *lacht*

Danke für das Kompliment. Ich bin definitiv ein Mann. Ich ziehe manchmal Frauen zu Rate. Nicht das es unbedingt nötig ist, aber wie ich bereits vorher sagte, sind die Unterschiede zwischen Frauen und Männern minimal im Vergleich zu unseren Gemeinsamkeiten.


Aber es gibt Erfahrungen, die ich nie hatte und wenn ich über so etwas schreibe versuche ich mit Leuten darüber zu sprechen, die diese Erfahrungen gemacht haben. Als ich die Stelle über Bran schrieb, als er vom Turm gestürzt ist, hatte ich einen Fan der gelähmt war. Wir tauschten einige Emails untereinander aus, wie es ist gelähmt zu sein, da ich mir das zwar vorstellen konnte, aber es nicht aus erster Hand wusste.

Als ich über Sansas erste Periode geschrieben hatte, war das auch ein Erlebnis das ich nie hatte. Aber ich habe mit einigen Frauen darüber gesprochen und sie gefragt, wie sie es erlebt hatten. War es unheimlich, war es schmerzvoll, war es nicht der Rede wert? Ich habe dann zig unterschiedliche Antworten bekommen und habe festgestellt, es unterscheidet sich immens von Mensch zu Mensch.

Wenn man Geschichten von Menschen hört, die in Kriegen oder Feuergefechten waren, unterscheiden sich die die Erlebnisse ebenfalls sehr. Das ist sehr interessant, natürlich habe ich auch viel darüber gelesen.
Ich versuche anhand der Erfahrungen anderer eine glaubwürdige Perspektive zu schaffen. Es freut mich jedenfalls zu hören, dass ich scheinbar den richtigen Ton getroffen habe, wenn es um die Perspektive der Frauen geht. Ich versuche es zumindest.

*Die letzte Frage dreht sich um das Gerücht, dass der Rest ihrer Bücher in Filmform veröffentlich werden soll. Glauben sie es ist nötig vom TV- auf das Kinoformat zu wechseln? Ist es leichter die Reihe als Serie zu bringen oder glauben sie, dass man die Geschichte auch in einen 2-3 stündigen Film packen könnte?

GRRM: Ich wurde das oft gefragt. Scheinbar glaubt manm, dass ich die Entscheidungsgewalt hätte von TV auf Kino zu wechseln. Ich möchte nur sagen, dass ich diese Autorität nicht habe – ich halte es aber für eine gute Idee, aber es ist nicht meine Idee die Serie in Form von einigen Kinofilmen zum Ende zu bringen.

Das Problem an der ganzen Sache ist, dass die Bücher immer umfangreicher und umfangreicher werden. Die Show kann dies allerdings nicht mehr wirklich. Wir sind bereits die teuerste TV-Produktion weltweit und wir haben die meisten Schauspieler in einer Serie. Wir können keine weiteren Charaktere hinzufügen und die Show noch teurer machen.

Wir sind bereits am Limit. Entweder müssen wir den Rotstift ansetzen und Dinge streichen oder wir wechseln das Format und nehmen den nächsten Schritt. Um mehr Budget zu bekommen, würden also nur Kinofilme in Frage kommen. Große Fantasyfilme im Kino wie Peter Jacksons „Herr der Ringe“ Verfilmungen haben ein Budget von 200 Mio. US-Dollar für 3 Stunden während wir 60 Millionen US-Dollar für 10 Stunden haben. Da besteht ein großer Unterschied.

Ein Vögelchen hat mir gezwitschert, dass einige große Schlachten bevorstehen, Drachen-Action, Dinge an der Mauer, die mit den weißen Wanderern zutun haben … das könnte etwas teuer werden. Wie soll man das finanzieren? Das Kinoformat wäre eine Möglichkeit, allerdings habe ich keine Ahnung, wie sich das entwickeln wird oder ob wir diese finanziert bekommen. Ich sage hier noch mal ausdrücklich, dass ich nicht bestätige, dass die Filme in Arbeit sind. Zitiert mich bitte nicht falsch. Es ist nicht meine Idee, es war eine Idee, die an mich getragen wurde.


Es wird vielleicht nicht geschehen. Ich habe keine Ahnung. Eine Staffel nach der anderen. Wir sind gerade an Staffel 5. Die Drehbücher werden geschrieben und die Produktion wird bald beginnen. Das ist alles was ich dazu sagen kann.

Teil 1 des Interviews
Teil 2 des Interviews

Links Adventure
Daniel hat im jungen Alter von 3 Jahren ein NES geschenkt bekommen. Dies war der Beginn seiner langen Zockerkarriere und Sammelleidenschaft. Wenn er nicht gerade vor der Konsole oder dem Handeheld sitzt, findet Ihr Ihn in der Stadtbibliothek Stuttgart in der er Vorträge zum Thema Videospiele hält oder andere Veranstaltungen abhält. Seine Lieblingsserien sind Metroid, Super Mario, The Legend of Zelda, die Tales of Reihe, Halo, Smash Bros. und vieles mehr.

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