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George R.R. Martin Masterclass Teil 1

Daniel war am 10. Juli 2014 für euch auf dem NIFFF (Neuchatel International Fantasy Film Fest) in Neuchatel in der französischen Schweiz und hatte dabei die einmalige Möglichkeit, an der Masterclass von Autoren-Legende George R.R. Martin teilzunehmen.Positioniert in der ersten Reihe und direkt in der Mitte konnten wir in der 1.5 stündigen Veranstaltung dem großen Autor auf den Zahn fühlen und Vieles über sein Leben, seine Arbeit und natürlich über seine Buchreihe „Das Lied von Eis und Feuer“ herausfinden.

Aufgrund der Länge und der vielen Informationen werden wir diesen Beitrag in drei Teilen präsentieren, bleibt uns also treu und erwartet Beitrag Zwei und Drei in naher Zukunft. Diese werden nach Erscheinen hier natürlich verlinkt werden.

Es ist 15.10 Uhr mit einer kleinen Verspätung erscheint ein dicker Mann mit weißen Bart und Hosenträgern auf der Bühne. Ein großer Applaus folgt, er setzt sich und die Veranstaltung beginnt.

*Die erste Frage befasst sich mit Ihrer Arbeitsmethode. In ihren Werken scheint es viele geschichtliche Bezüge zu geben. Natürlich vor allem in ihrem Werk „Das Lied von Eis und Feuer“, allerdings auch in anderen Werken wie „Fever Dream“ oder „Wild Cards“. Recherchieren sie über Zeitepochen und historische Ereignisse, bevor Sie schreiben?

GRRM: Ja, das tue ich. Wenn ich etwas schreibe, bzw. bevor ich beginne, zu schreiben, tauche ich tief in die Materie ein. „Fever Dreams“ ist dabei ein gutes Beispiel; das Buch spielt während der großen Dampfschifffahrtszeit am Mississippi. Ich hatte die Idee dazu in den frühen 70er Jahren, als ich in der Nähe des Mississippi gelebt und unterrichtet habe. Diese Thematik begann mich zu interessieren und ich begab mich in eine Bibliothek und besorgte mir allerlei Bücher über Dampfschiffe, die damalige Zeit und sogar Bücher von Mark Twain. Irgendwann, als ich genügend Informationen angesammelt hatte, beschloss ich dann, darüber eine Geschichte zu schreiben. Als ich angefangen habe mich über diese Zeit zu informieren, war mir noch nicht klar, dass ich darüber ein Buch schreiben werde.

Wenn ich schreibe, hasse ich jede Unterbrechung. Sei es ein Anruf, jemand der an die Tür klopft oder wenn ich aufhören muss, um etwas in meinen Texten nachzuschlagen. Ich versuche, mir so viel Wissen wie möglich anzueignen, bevor ich wirklich anfange zu schreiben, denn das Letzte, was ich möchte, ist es, zu stoppen, um zu überlegen: „Hmm…, ok, welche Unterwäsche haben die Leute in dieser Periode getragen? Lass mich kurz in meinem Buch über Unterwäsche nachschlagen!“.Wie gesagt, hasse ich es, mittendrin aufzuhören, wenn ich gerade im Schreibfluss bin. Im Falle von „Fever Dream“ habe ich zwei Jahre damit verbracht, mir Wissen über Dampfschiffe anzueignen, bevor ich das Buch zu schreiben begonnen habe.

Lustiger Weise habe ich mit dem Buch auch erst angefangen, nachdem ich den Mississippi wieder verlassen hatte und im Süd-Westen der USA lebte.

*Es ist auch wirklich beachtlich, wie detailgenau Sie das Innere der Saloons oder der Dampfschiffe beschreiben.

GRRM: *lacht“ Nun sehen Sie, da wird die Zeitperiode wieder lebendig. Mein Ziel als Autor ist es, meine Leser in die Welt, über die ich schreibe, eintauchen zu lassen, als ob sie wirklich dort wären, anstatt nur darüber zu lesen. Ich möchte ihnen diese Welt zeigen und sie nicht nur darüber lesen lassen. Sie sollen das Essen schmecken und die Worte der Charaktere hören können. Sie sollen selbst dort sein. Dies ist mein Ziel in allen Geschichten, die ich schreibe.

* In „Ein Lied von Eis und Feuer“ gibt es sehr viele Charaktere, viele Orte und sogar eine Geschichte über Westeros. Wie schaffen sie es den Überblick bei all diesen Details zu behalten?

GRRM: Nun, diese Frage wird mir sehr oft gestellt und ich habe wirklich keine gute Antwort darauf. Ich tue es einfach. Ich erinnere mich an die Geschehnisse. Ich denke, ich erhalte große Hilfe dabei von meinem Computer. Ich habe mit dem Schreiben von „Ein Lied von Eis und Feuer“ 1991 begonnen. Dies wäre mir zu Beginn meiner Karriere in den 60er und 70er Jahren mit einer Schreibmaschine unmöglich gewesen.

Wenn ich über einen Charakter schreibe, der in den letzten drei Büchern nicht vorgekommen ist, kann ich mit der Suchfunktion ganz einfach nachsehen, was zuletzt mit dem Charakter geschehen ist, ohne dabei durch hunderte von Seiten zu blättern, und zu überlegen „Was zur Hölle ist zuletzt mit ihm passiert?“.

Und dennoch mache ich Fehler. Ich verwechsele gelegentlich Augenfarben und einmal hat ein Pferd das Geschlecht gewechselt. Ich habe sehr aufmerksame Fans, einige von ihnen kann man auch als besessen bezeichnen. Denen fallen solche kleinen Fehler nämlich sofort auf.

Um die Wahrheit zu sagen, ich habe ein sehr schlechtes Gedächtnis. Ich habe sehr viele nette Menschen hier in Neuchatel getroffen, aber ich muss sagen, wenn ich dich gestern kennengelernt habe, habe ich dich heute wahrscheinlich schon wieder vergessen. Ich meine das auch wirklich nicht böse. Den Platz im Gedächtnis den andere Menschen für das Erinnern von echten Personen benutzen, verwende ich für Personen, die ich erfunden habe. Vielleicht ist dies ein Zeichen einer geistigen Störung, ich weiß es nicht *lacht*.


*Oder Talent.

GRRM: Ich weiß nicht, wie andere Schriftsteller arbeiten, aber ich arbeite zumindest so. Ich gehe gerne auf SciFi Connventions, da die Leute dort große Namenschilder tragen, hier tragen auch einige Ausweise, die allerdings sehr klein sind und meist falsch herum um den Hals hängen. Die großen Namensschilder sind dann doch hilfreich bei einer Begegnung, anstatt nur zu sagen „Hey… Freund… schön, dich wiederzusehen“. Wenn jeder Namensschilder tragen würde wäre es sicherlich einfacher für mich *lacht*.

*Sie haben Journalismus studiert und für Hollywood als Screen-Writer gearbeitet. Wie hat Sie das beeinflusst?

GRRM: Nun zuerst einmal sind das zwei grundverschiedene Fragen. Ja, Journalismus war mein Hauptfach am College vor über einer Million Jahren, glaubt es mir oder nicht. Ich habe Kurzgeschichten, Comicgeschichten, kleine SciFi-Geschichten, Monstergeschichten seit meiner frühen Kindheit, als ich etwa 10 Jahre alt war, geschrieben. An der Highschool habe ich dann für die Comicbuch-Fanszene geschrieben.

Ich denke Journalismus als Fach zu wählen, hatte einen großen Einfluss auf mich, auch was meinen Schreibstil anging. Damals dachte ich noch wenn ein Adjektiv gut ist, sind drei noch besser… Journalismus verlangt einen bestimmten Stil, von dem ich sehr profitiert habe als Autor.

Der andere Einfluss, den Journalismus auf mich hatte, war schwerer zu erlangen, aber wesentlich prägender für mich. Ich war sehr schüchtern als Kind; ich meine, ich hatte schon Freunde, allerdings wurde ich damals schon als „Nerd“ oder „Geek“ bezeichnet.  Was heute als Kompliment angesehen wird, war damals eine Beleidigung. Niemand wollte als „Nerd“ oder Geek“ bezeichnet werden. Ich war der Kerl, der Comicbücher las, als er von der Schule kam, und sich mit sich selbst beschäftigt hat. Ich habe nicht viel mit anderen Kindern interagiert, ich war sehr schüchtern und Journalismus zwang mich nach draußen. Wenn du als Reporter angestellt bist, sagen dir deine Vorgesetzten: „Geh dahin“ oder „Interview diesen Kerl dort“.

Um über ein Geschehnis zu berichten, musst du raus und mit sieben verschiedenen Leuten sprechen, die du nicht kennst. Aber als Reporter warst du gezwungen mit ihnen zu sprechen. Ich wurde in allerlei Situationen gebracht, die mir unangenehm waren, Sportler-Umkleidekabinen und Demonstrationen zum Beispiel. Wir waren in den 60er Jahren, da gab es praktisch jeden Tag eine Demo zu irgendeinem Thema. Einige davon wurden auch gewalttätig, aber gleichzeitig war es auch sehr aufregend. Ich hatte meinen Studenten-Presseausweis dabei, gut, dieser war kein echter Presseausweis. Trotzdem war ich journalistisch vor Ort. Es hat einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen, in die Welt hinauszugehen und mit Menschen zu sprechen. Auch wenn ich nach meinem Abschluss nicht mehr wirklich journalistisch tätig gewesen bin.


Zum Thema Hollywood; das  war gute 20 Jahre später und eine ganz andere Liga. Wenn man Bücher schreibt bist nur du und das leere Papier in einem Raum und niemand ist in der Nähe. Daran gibt es gute aber auch schlechte Dinge. Du bist isoliert und arbeitest alleine.In Hollywood bist du umgeben von anderen Menschen und arbeitest zusammen als Team an einer Sache. Du gehst da jeden Tag hin und arbeitest mit mehreren Leuten zusammen, sprichst mit den Produzenten, Schauspielern und Regisseuren.

Die Leute, die sich um die Spezialeffekte, Requisiten oder Kostüme kümmern, stellen Fragen zur Gestaltung von Szenen oder Outfits. Das kann einen manchmal in den Wahnsinn treiben, allerdings kann es auch eine sehr befriedigende Erfahrung sein, da man von der Kreativität anderer Leute profitiert.

*Sie sind ein profilierter und erfolgreicher Autor. Welche Qualitäten sollte man besitzen um ein erfolgreicher Fantasy-Autor zu werden?

GRRM: Welche Qualitäten sollte man haben um ein guter Fantasy-Autor zu sein *atmet tief durch* … Ich denke, es hilft Fantasy zu mögen. Ein gewisses Maß an Wissen über das Genre zu besitzen. Aber der Großteil ist einfach ein guter Autor zu sein.

Ich habe in meiner Kindheit sehr viel gelesen, dabei aber nie nach Genres unterschieden, sondern das gelesen, was mir gefallen hat. Darunter waren H.P. Lovecraft, Robert E. Hydeline und später Tolkien. Die Bücher wurden in Horror-, SciFi- oder High-Fantasygenres aufgeteilt, für mich aber waren das Geschichten, die mich in andere Welten oder auf andere Planeten entführt haben. Ich habe mich seitdem auch frei zwischen den Genres hin und her bewegt, und bin nicht nur bei einem geblieben. Ich bin vielleicht einer der letzten Autoren der vergangenen Generation, die das machen können.

Zumindest in den USA ist das so, ich bin gerade in der Schweiz und hier könnten ganz andere Regeln gelten. Amerikanische Publisher sind allerdings ziemlich streng geworden in den letzten Jahrzehnten. Ich kenne Autoren, jüngere Autoren, die wie ich SciFi und Fantasy schreiben, und dann zu hören bekommen „Du kannst nicht beides schreiben, zumindest nicht unter dem selben Namen. Du brauchst zwei verschiedene Namen. Du kannst SciFi als Bill Jones schreiben, aber für Fantasy musst du Fred Smith sein, sonst verwirrst du die Leser.“

Ich persönlich glaube ja, dass Leser intelligent genug sind, das zu unterscheiden. Ein Autor kann unterschiedliche Themen unter dem selben Namen schreiben, Leser der vergangenen Generationen scheinen damit kein Problem gehabt zu haben. Robert E. Hydeline hat Fantasy geschrieben, H.P. Lovecraft über SciFi… das sind alles erfundene Geschichten.

Um zum Thema zurückzukommen, um ein guter Autor zu sein, braucht es Talent, die Fähigkeit mit Worten umzugehen, ein gutes Gefühl für Prosa und gerade wenn du etwas schreiben möchtest wie Comicbücher, TV- oder Film, brauchst du ein gewisses Gefühl für Dialoge und vor allem das Talent, jedem Charakter „seine“ Art zu Sprechen zu geben.

Manchmal unterrichte ich Schreibseminare und gebe den Schülern die Aufgabe, einem halben Dutzend Charaktere Sätze zu schreiben, ohne dabei allerdings darauf einzugehen wer oder was sie sind. Zum Beispiel, hier ist ein Priester und hier ein Soldat, da eine Hausfrau und da eine Prostituierte. Schreibe eine Rede für jeden dieser Charaktere, ohne dabei ihre Arbeit oder Aussehen zu beschreiben. Sorge dafür, dass jede Rede unterschiedlich zur anderen ist, dass man auf Anhieb herausfinden kann, nur anhand der gesprochenen Worte, dass das der Priester ist, der spricht, und das die Prostituierte. Das ist das große Talent, alle Charaktere unterschiedlich klingen zu lassen, denn wenn alle gleich klingen hast du ein Problem.


In einer Geschichte ist Empathie wichtig. Interessante Charaktere, es spielt keine Rolle in welchem Genre du Bücher schreibst, es geht immer um die Charaktere, die in der Welt leben, die eine Geschichte interessant macht. Es ist wichtig, dabei ein gewisses Maß an Empathie für deine Charaktere aufzubringen. Ich habe immer mein Bestes versucht, egal aus welcher Charakter-Perspektive ich geschrieben habe, sei es ein böser oder guter Charakter, seine Motive und Gründe in den Vordergrund zu stellen.

Er selbst denkt gar nicht, dass er böse ist. Niemand wacht morgens auf und denkt „Ich bin der Bösewicht, was für schlimme Taten kann ich heute vollführen?“. Höchstens vielleicht „The Red Skull“ aus den Captain America Comics. Aber selbst die besser geschriebenen Marvel-Bösewichte machen so Etwas nicht. Dr. Doom hatte seine Gründe für das, was er tat, und rechtfertigte es damit.

*Wir haben gerade über Superhelden gesprochen, keiner ihrer Charaktere, mit ein paar wenigen Ausnahmen, sind übernatürliche Wesen; das grenzt sie von Werken wie „Dune“ oder auch „Der Herr der Ringe“ deutlich ab. Wieso sind Sie diesen Weg gegangen? Mögen Sie keine Helden obwohl eines Ihrer ersten Werke, eine Kurzgeschichte, „Hero“ hieß?

GRRM: Nun, wenn Sie wissen wie „Hero“ endet, können Sie es sich denken. Ich töte Menschen seit meinen frühsten Werken. Nun ich bin mit Comics aufgewachsen, wo wir „den Superhelden“ hatten. Der Superheld in den Comics ist eine Art professioneller Held mit Superkräften. Er zieht seinen Spandexanzug an, geht auf  die Straße und vollführt „heroischen Scheiß“.
Ich habe eine Serie mit dem Namen „Wild Birds“ editiert, die einige von euch vielleicht kennen.

*Eine Person im Publikum klatscht*

GRRM: Da war einer, der sich getraut hat. Die Serie war sehr populär und wird gerade in Frankreich veröffentlicht, sie wurde in Deutschland veröffentlicht und wir sind dabei, sie weiterhin dort zu veröffentlichen und auch in Italien wird sie kommen.

Darin geht es um das Motiv der Superkräfte. Was wäre wenn ein großer Teil der Weltbevölkerung plötzlich über Superkräfte verfügen würde? Übermenschlich stark sein, fliegen können, Blitze schleudern können usw. Was würden diese Menschen tun? Und die Antwort von einigen der intelligentesten SciFi-Autoren war : „Sicherlich nicht ein Spandexoutfit kaufen und das Böse bekämpfen“. Das war nun eine lange Erklärung, um zu sagen… viele Menschen vollbringen heroische Taten, aber nur wenige Menschen sind wirkliche Helden.

Teil 2.

Links Adventure

Daniel hat im jungen Alter von 3 Jahren ein NES geschenkt bekommen. Dies war der Beginn seiner langen Zockerkarriere und Sammelleidenschaft. Wenn er nicht gerade vor der Konsole oder dem Handeheld sitzt, findet Ihr Ihn in der Stadtbibliothek Stuttgart in der er Vorträge zum Thema Videospiele hält oder andere Veranstaltungen abhält. Seine Lieblingsserien sind Metroid, Super Mario, The Legend of Zelda, die Tales of Reihe, Halo, Smash Bros. und vieles mehr.

4 comments

  1. Arne Schreiber Jethro sagt:

    „In einer Geschichte ist Empathie wichtig. Interessante Charaktere, es spielt keine Rolle in welchem Genre du Bücher schreibst, es geht immer um die Charaktere, die in der Welt leben, die eine Geschichte interessant macht“

    Vollkommen richtig und deswegen versagen zum Beispiel so viele Hollywood Produktionen oder „Triple A“ Videospiele.

2 Pings/Trackbacks for "George R.R. Martin Masterclass Teil 1"
  1. […] Anbei findet ihr Teil 2 des Masterclass Interviews mit George R.R. Martin an dem Sarah und Daniel beim NIFFF in Neuchatel teilgenommen haben. Falls ihr Teil 1 noch nicht gelesen habt, findet ihr ihn hier. […]

  2. […] werden geschrieben und die Produktion wird bald beginnen. Das ist alles was ich dazu sagen kann. Teil 1 des Interviews Teil 2 des […]

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